Barcheck II: Elio`s Bar – Eine Zeitreise

Mit etwas Verspätung aufgrund eines vollen Terminkalenders kommt jetzt Teil 2 unseres Barchecks.
Nur zu zweit machen wir uns wieder mit großem Durst (Das mit dem großen Durst scheint zum Normalzustand zu werden) auf zu Elio`s Bar im Best Western Hotel. Rechter Hand von der Rezeption kommen wir in einen relativ kleinen Raum mit ansässiger Bar und einem kleinen Buffet für eine Veranstaltung des Hauses.Vor der Bar fallen uns zuerst Wimpel, Pokal, sowie diverse Zeitungsartikel über Elio auf. Auch sein 25. Jubiläum als Mitglied der Deutschen Barkeeperunion (Eine Vereinigung irgendwo zwischen Verein und Berufsverband, teilweise als altbacken und verstaubt kritisiert, aber mindestens teilweise mit sehr guter Arbeit.) ist hieraus ersichtlich. Also ist hier ein alter Hase am Werk.

Wir sind gespannt. Wir werden freundlich vom Barmann empfangen und haben sofort die Karten in unseren Händen. Sehr schön sind trotz ziemlich kleiner Auswahl an Whiskey und Co. die Einführungstexte zu unterschiedlichen Whisky/Whiskey Stilen. Auch eine kleine Happy Hour gibt es, allerdings nur ausgewählte Getränke und nur für eine kurze Zeit des Abends. Damit kann man leben, da finde auch ich, dass eine Happy Hour durchaus positiv gesehen werden und Sinn machen kann.

An Drinks finden sich ein paar Klassiker sowie etwas neuere Getränke der langen, süffigen Sorte mit erhöhtem Anteil an Erdbeer-Maracuja, aber dazu nachher mehr. Die Preise liegen so grob zwischen 7 und 10€, damit kann man sicherlich Qualität produzieren und als Gast auch erwarten. Die Bar ist übersichtlich, sauber und aufgeräumt. Das gefällt uns. Zu den Drinks. Wir ordern eine Bloody Mary und wieder einen Sidecar. Der Barmann führt beide Bestellungen schnell aus. Trotzdem, das Mixen auf dem Schneidebrett und ohne Ausgießer, also direkt aus der Flasche verwirrt uns etwas. Leider ist die Bar nur leicht gefüllt und wir können so nicht sagen, ob das Team um Elio so auch größeren Betrieb zeitnah bewältigen kann. Es geht zwar, dass man direkt aus der Flasche eingießt, aber es hat seine Tücken und es schaffen nur sehr wenige konstant gute Drinks zu produzieren.

Trotz dem Einsatz von industriellem Zitronensaft sind beide Drinks trinkbar. Die Bloody Mary wird im Glas gerührt und ist ausgewogen mit einer guten Ladung Umami. Souverän, aber nichts Besonderes. Auch der Sidecar wäre sehr ausgewogen und balanciert, wenn sich der penetrante Zitronensaft nicht genauso breit machen würde, wie in der Cocktailbar des Hotel Santo. Schade, die Drinks könnten so leicht so viel besser sein. Leider werden unsere Zombie-Kirschen aus dem Santo noch getoppt. Durch Einsatz eines mit Lametta versehenen Holzspießes haben wir auf einmal Weihnachts-Zombie-Kirschen. Amüsant finden wir es auf jeden Fall.

Bei der 2.ten Runde ordern wir einen Mai Tai und wieder einen El Presidente. Zuerst der Mai Tai. Die Rezeptur wartet mit unter anderem Malibu und Grenadine-Sirup auf. In einigen Barbüchern aus der dunklen Zeit zwischen 1960 und 1980 ist er sicherlich so noch zu finden. Der Drink ist süffig und leicht trinkbar. Sicherlich nicht schlecht, aber er hat leider wenig mit einem Mai Tai zu tun. Hätte er einen anderen Namen, wäre es ein ordentlicher Drink. Aber nein, ein Mai Tai ist das nicht(Mai Tai, von Trader Vic erfunden, besteht aus Orgeat, frischem Limettensaft, Dry Curaçao, nicht mehr erhältlichem Wray & Nephew 17 Jahre Rum aus Jamaica und angeschlagene Minze als Deko. Der Wray & Nephew wird im Ansatz durch unterschiedliche Rum-Kombinationen ersetzt). Jetzt zum El Presidente. Ich hatte ehrlich selten so einen Spaß in einer Bar, wenn es um die Geschichte eines Drinks geht. Selten ein besseres Beispiel für: „Wenn du die Geschichte eines Drinks nicht kennst, dann denk dir eine aus. Hauptsache, sie ist gut.“ erlebt. Laut Elio geht der starke Aperitif El Presidente auf Bernhard Stöhr zurück. Herr Stöhr ist aktuell scheidender 1. Vorstand der DBU (er hat sich nicht mehr zur Wahl gestellt, in der nächsten Zeit wird über seinen Nachfolger entschieden.). Als Präsident der DBU hat er diesen Drink erfunden und ihn El Presidente genannt, da er ja der Präsident ist. Normalerweise wäre so eine Geschichte ein No-Go, vor allem wenn der Gegenüber weiß, dass es sich um einen kubanischen Klassiker handelt. Elio hat es aber so sympathisch rübergebracht, dass es mir egal war, ob die Geschichte jetzt wahr ist oder nicht. Nicht informativ, aber unterhaltsam. Der Drink selber war leider aufgrund des deutlich zu starken Einsatzes von Grenadine nicht mehr Aperitif-geeignet und erinnerte mich mehr an einen Kaugummi.

Trotz den nicht wirklich überzeugenden Drinks, blieben wir noch auf ein makellos gezapftes Bier. Wir waren einfach in zu guter Stimmung. Damit kommen wir auch zu den positiven Punkten. Elio tut das, was er seit Jahrzehnten kann und auf die Art, wie er es damals gelernt hat. Süffige Drinks mit sehr gutem Service. Bartending wie vor 30 Jahren auf sehr gutem Niveau. Der Mann ist ein alter Hase und muss nichts neues mehr lernen, dafür hat er genug erreicht. Historisch korrekte, „nerdige“ Drinks kann man den jungen Wilden überlassen, die dabei sind das Niveau auf ungekannte Höhen zu hieven. In dem Alter muss man sich so etwas nicht mehr antun. Die Gefahr liegt aber dabei, sich zu sehr auf seinen Lorbeeren auszuruhen. So kann auch die bei Bartendern unbeliebte, weil sehr süffige und deswegen unzählige Male durchgekaute Kombination von Erdbeer und Maracuja (ganz schlimm als Erdbeersirup und Maracujasaft) für den normalen Gast langweilig werden.

Einen letzten negativen Punkt müssen wir leider noch anbringen. Man sieht es in manchen Bars nach Feierabend. Seltener jedoch während dem Betrieb. Ich finde, es ist ein absolutes Unding, so etwas überhaupt zu tun. Das Rauchen hinter der Bar. Leider mussten wir Elio himself dabei beobachten, wie er sich im Barbereich, aber nicht an der Mixing-station eine halbe Zigarette gönnte. So ein hygienischer Fauxpas darf meines Erachtens nach auch einem alten Meister nicht passieren. Ich möchte an dieser Stelle einen Frankfurter Kollegen zitieren: „Bar ist Kirche!“. Recht hat er. Aber bis auf diesen leider sehr schmerzlichen Ausrutscher hatten wir echt einen tollen Abend und fühlten uns in der Zeit zurückversetzt. Ein Barbesuch der etwas anderen Art.

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